Warum es mit Deutschland bergab geht!

In Telepolis gab es gestern eine sehr schönen Artikel der mal wieder deutlich machte, warum unser Land den Bach runtergeht.

Berichtet wird dort (am Besten ihr lest ihn selbst, bevor ihr diesen Artikel lest) über eine deutschlandweite Razzia gegen "Chemieterroristen", man könnte aber auch sagen über Inkompetenz unter Ermittlern und Richter in Bezug auf Schulstoff der Klassen 8-10 (ergo, Realschulgrundwissen). Nach Lektüre des Artikels möchte man fast eine zweite schulische Laufbahn nach dem 40igsten Lebensjahr fordern, damit Beamte die über die öffentliche Sicherheit wachen sollen, zumindest über das Allgemeinwissen eines durchschnittlichen 16-jährigen verfügen.

Brisant ist dabei, dass hier nicht nur Fehler gemacht wurden, die an Peinlichkeit kaum noch zu überbieten sind, sondern das anschliessend entsprechende Stellen nichtmal in der Lage sind ihre eigenen Fehler zuzugeben und sich bei insgesamt über 1700 betroffenen unbescholtenen Bürgern zu entschuldigen. Drangsaliert wurden in diesem Fall vorwiegend Jugendliche und Heranwachsende mit einem Interesse für Chemie. Gerade jene welche also die Forderung nach sinnvoller Freizeitbeschäftigung und eigenverantwortlicher Weiterbildung ernstgenommen haben, werden hier kriminalisiert und entmutigt. Unter den gegebenen Umständen darf man eine Hausdurchsuchung gar als Rufmord sehen.

Vollkommen zu Recht fragt der Autor bei Telepolis, wie es sein kann, dass sich tausende von Beamten mit derart offensichtlich sinnlosen Verfahren herumschlägt, gleichzeitig "nach Auskunft des bayerischen Innenministers Beckstein" "zu einer Beobachtung islamistischer Terrorverdächtiger angeblich [...] das Personal fehlt". Und da wären wir dann auch schon bei der Frage, warum es mit Deutschland bergab geht. Noch vor 100 Jahren war für Chemiker weltweit ein Studienaufenthalt in Deutschland Pflicht, erschienen Fachzeitschriften weltweit auf Deutsch. Noch heute spiegelt sich dies im Chemievokabular zum Beispiel des Französischen wieder. Mittlerweile ist es einem Ermittlungsbeamten im gehobenen Dienst nichtmal mehr möglich Kochsalz als solches zu erkennen, wenn auf der Packung NaCl (Natriumchlorid) zu lesen ist, ist es auch so manchem Richter nichtmehr präsent, das Laugen eigentlich gar nicht zur Sprengstoffherstellung taugen, ist es dem Landgericht Berlin offensichtlich nicht mehr möglich, den Onlineerwerb einiger Salze und Laugen von "schwerwiegenden Vorwürfen" zu unterscheiden. Offensichtlich ist in Behörden als Allgemeinwissen vorrauszusetzendes Wissen nichtmehr präsent.  Wie soll man nach solchen Schildbürgerstreichen Qualität in die Welt verkaufen?

Es handelt sich ja deutlich sichtbar nicht nur Einzelfälle, bei 1700 Hausdurchsuchungen und der Beschlagnahmung mehrerer tausend Kundendaten bei mehreren Händlern muss man davon ausgehen, dass derartige Inkompetenz die Regel statt der Ausnahme ist.Nun ist es nicht schlimm, wenn jemand etwas nicht weiss, dafür gibt es ja die Möglichkeit nachzuschlagen oder einen Experten hinzuzuziehen. Das dies bei einem Fall dieser Dimension nicht getan wurde zeigt, wie groß die Gefahr durch echte Terroristen wirklich ist. Echte Terroristen lassen ihr Adressen nicht bei Händlern liegen und sind schon gar nicht auf den Erwerb gewisseer Chemikalien zum Bombenbau angwiesen. Al Quaida & Co lachen sich ins Fäustchen beim Anblick derart kleinkarierter Funktionäre.

Auch auf die Gefahr hin hier jetzt ebenfalls ins Visier von Fandern zu geraten (lernfähig sind sie ja offensichtlich nicht), weise ich doch darauf hin, dass die Herstellung von Explosivstoffen nicht mehr als Strom und den Erwerb von grösseren Mengen Salz und Wasser bedarf. Salz wird letztlich in jeder Küche, beim Streuen im Winter  und bei nahezu jedem chemischen Prozess verwendet. Gewonnen werden kann es aus Meerwasser mit Sonnenenergie durch  verdunsten. Wasser kommt aus der Leitung und Strom aus der Steckdose (zumindest in Europa :D ). Herstellen kann man damit Chlorgas (erster Weltkrieg lässt grüßen). Über Düngemittel, Pflanzenschutz- und Reinigungsmittel, Zucker, Brennstoffe u.ä. will ich mich hier gar nicht auslassen.

Besonders fragwürdig ist vor diesem Hintergrund der auch im Telepolis erwähnte Focusartikel (Focus 47/2005) "Höllenstoff im Keller", bei dem die Autoren, Redakteure und selbst Lektoren nicht nur chemische Grundwissen komplett fehlen lassen, sondern offensichtlich auch sämtliche Recherche unterlassen haben müssen, da selbst ein Chemiestudent des ersten Semesters die unhaltbaren Behauptungen des Artikels binnen Minuten hätte widerlegen können. Reisserische Artikel im Bildstil scheinen der Redaktion mehr zuzusagen als seriöse Recherche.